Bildung - quo vadis?

Mögglingen. Neben der Flüchtlingsfrage spaltet in Baden-Württemberg kein Thema Bevölkerung und Politik mehr als die Frage nach dem „richtigen“ Schulsystem. Für die Einen stellt die Gemeinschaftsschule den einzig zielführenden Weg in eine bessere Bildungszukunft für unsere Kinder dar, für die Anderen den in ein baldiges Fiasko. Beide Seiten sind bei ihren Begründungen aber auf Vermutungen und Erwartungen angewiesen, da die Zeit für eine belastbare Aussage noch viel zu kurz ist. Um die Debatte zu versachlichen lud die FDP-Landtagskandidatin Dr. Julia Frank den ehemaligen Schulamtsleiter Hans-Jörg Polzer zu einem Vortrag in das Mögglinger Gasthaus Ritter ein.

 

Die wesentlichste Änderung seit dem Antritt der grün-roten Regierung sei – so Polzer - natürlich  die Einführung der Gemeinschaftsschule ab dem Schuljahr 2012/2013 gewesen. Sie stellt eine weitere Schulart neben den weiter existierenden Haupt- und Werkrealschulen, Realschulen und Gymnasien dar. Von den bisher dreizehn Gemeinschaftsschulen entstanden zwölf aus Haupt- und Werkrealschulen, eine aus einem Verbund aus Hauptschule und Realschule (Kocherbergschule in Aalen). Nahezu zwei Drittel der Schüler der Gemeinschaftsschulen hatten die Grundschulempfehlung Haupt-/Werkrealschule. Wichtig für die weitere Entwicklung der übrigen Schularten sei der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung zeitgleich mit der Einführung der Gemeinschaftsschule – für Polzer „das Todesurteil für die Hauptschule“. Die vorhersehbare Konsequenz war, dass die Übergangsquoten zur Haupt- und Werkrealschule von bisher knapp 25 % auf unter 10 % im Schuljahr 2014/2015 eingebrochen seien. Zum Vergleich: Vor 20 Jahren lag diese Quote noch bei 38 %! Viele Eltern verzichteten auf das Beratungsgespräch; der Anteil der Realschüler mit der Empfehlung Haupt- /Werkrealschule belief sich daraufhin auf 20 %, der der Gymnasiasten mit der Empfehlung Realschule auf über 10 %. Heute sei die Realschule  der Schultyp mit der heterogensten Schülerschaft, während das Gymnasium von den Umwälzungen im Schulsystem weitgehend unberührt geblieben sei – wenn man davon absähe, dass sich die Wiederholerquoten wie in den Realschulen auch in den Gymnasien spürbar erhöht hätten.

Eine viel zu wenig beachtete Konsequenz aus dem Niedergang der Haupt- und Werkrealschulen sei die durch die Versetzung von „überzähligen“ Hauptschullehrerinnen und –lehrern entstandene Ausdünnung der Vorbereitungsklassen in der Fläche. Damit seien „Kompetenzen im Umgang mit der schulischen Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund weggefallen, die im Kontext der Integrationserfordernisse der vielen Flüchtlinge nun gerade gefragt wären“. Hier stelle sich nun sogar die Frage der Revitalisierung aufgegebener Hauptschulstandorte bis hin zur Reaktivierung von Lehrer/innen im Ruhestand.

Nach der Landtagswahl werde ein neuer gemeinsamer Bildungsplan für Hauptschule, Werkrealschule, Realschule und Gemeinschaftsschule verabschiedet - unabhängig davon, wie die Wahl ausgehe. Denn – davon ist Polzer überzeugt – die Entwicklung sei zu weit fortgeschritten und damit nicht mehr zurückzudrehen. Der Bildungsplan für die Gymnasien auf Basis G 8 bleibe unverändert bestehen, ebenso wie die für die einzelnen Förderschwerpunkte der sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, d. h. der ehemaligen Sonderschulen. Abschließend plädierte Polzer dringend dafür, die Schulen nicht mit gesellschaftlichen Zielsetzungen zu überfrachten. Die Entscheidung, welche Schulart für eine Kommune die richtige sei, richte sich nach den Bedürfnissen der Schüler im regionalen Umfeld, und die seien im Ostalbkreis bisweilen andere als z. B. in Stuttgart Mitte.